Transit - Winter an der See


Style: German Pop / Rock
Format: CD
 
:: Stephan Trepte - „Mein Herz soll ein Wasser sein“ - Das andere Porträt
1. ST & Lift Mein Herz soll ein Wasser sein
2. ST & Lift Meine Schulden
3. ST & Lift Atlantis
4. ST & Lift Tochter Courage
5. ST & Electra Der Musikant
6. ST & Electra Dem Kummer
7. ST & Lift Neuer Tag bricht an
8. ST & Lenz Seh' in die Kerzen
9. ST Mein Hund
10. ST & Reform Nebel
11. ST & Reform Wände wie aus Glas
12. ST & Reform Tätowierte Herzen
13. ST & T&W Music Dummer August
14. ST & T&W Music Deinetwegen
15. ST Kleptoman
16. ST Sie kommt nicht mehr zurück (live 1985)
17. ST & weitere Solisten Kinder der Erde
18. ST Wenn die Blätter fallen (live 2001)
19. ST & Electra Tritt ein in den Dom (live 2002)
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Dem Ausnahmeinterpreten der ostdeutschen Rockszene, Stephan Trepte, wird hiermit ein Porträt besonderer Art gewidmet: als buntes Kaleidoskop zieht am geneigten Hörer vorüber was gar nicht oder nicht so ohne weiteres auf einem heutigen Tonträger zu finden ist, jedoch die Vielfalt eines vom kompromisslosen Gestaltungswillen geprägtes Œuvre anschaulich macht; verstreut auf diversen Samplern nach und vor der Wende, auf alten Amiga-Singles bis in die 70er Jahre zurück, versteckt im Bandarchiv des Rundfunks der DDR und heute gelagert im deutschen Rundfunkarchiv Potsdam-Babelsberg. Eine schwierige Quellenlage! Und plötzlich kommt noch ein pfiffiger Manager wie Gregor Borges und bringt eine völlig unvergebene ABM-Produktion aus dem Martin Schreier Studio von 1990 vorbei, die mit Kusshand als Zeitdokument aufgenommen wird, zumal das Trio Trepte (Comp./Voc.)

Karma (Lyrics) Kielpinski (Arr.) für Qualität bürgt. Dafür Fehlanzeige bei „Nachts im Hotel“ mit der Gruppe Reform.

Warum so wenige der ersten Aufnahmen Stephan Treptes auf den ersten LP-Veröffentlichungen seiner ersten Stationen electra und Lift zu finden sind, hängt mit der unsteten Lebensführung des früh zu Ruhm und Geld gekommenen jugendlichen Helden (geb. 1950) und seinen provokant abrupten Ausstiegen, die er beiden Gruppen bescherte, zusammen. Die Mühlen zwischen Rundfunk und Amiga mahlten in puncto LP-Produktion in den 70er Jahren noch ausgesprochen langsam, die Gruppen mussten in den meisten Fällen ihre Rundfunktitel sammeln, bis sie eine A- und B-Seite voll hatten. Und als es bei electra 1974 soweit war und 1977 bei Lift, war Stephan Trepte in beiden Fällen über alle Berge, neue Frontleute waren eingekauft, neue Lieder wurden gemacht, so dass weder die bis dahin ausgereifteste Komposition Stephan Treptes „Mein Herz soll ein Wasser sein“ bei Lift eine Chance bekam, noch das von ihm wunderbar schlicht interpretierte Lied des unvergessenen Bandleaders Gerhard Zachar „Meine Schulden“. Beide Lieder fehlen heute in keinem Lift- oder „Sachsendreier“-Event (Stern Meißen Combo / Lift / electra) und haben verschiedenste Cover-Versionen erfahren. Bei electras erster LP blieb sein überhaupt erster Kompositionsversuch „Dem Kummer“ auf der Strecke, ebenso der wilde, soulige „Musikant“, geschrieben von seinem Kollegen und Kumpel H.P.Dohanetz, leider auch der „Dom“, von Stephan Trepte 1972 in den frühen Morgenstunden eines schönen Maientages im Leipziger Funkhaus aus der Taufe gehoben, mit dem politischen Rock-Avantgardisten Czeslaw Niemen als geistigen Paten im Hinterkopf. „Tritt ein in den Dom“ irritierte die kulturpolitischen streng atheistisch ausgerichteten Entscheidungsträger, die wiederum den Sog zur „Jungen Gemeinde“ im Hinterkopf hatten und deshalb beschlossen den Medieneinsatz flach zu halten. Erst 1980 bei der Zusammenstellung von „electra 3“ fielen die Vorbehalte. Nach jeweils zwei Jahren electra und Lift in Dresden tourte Stephan Trepte mit der Lenz Big Band und brachte ins DT 64 Jugendkonzert im Palast der Republik eines seiner schönsten Lieder ein : „Seh’ in die Kerzen“. Diese Fusionskonzert zwischen der Klaus Lenz Band und Modern Soul war deshalb so bedeutungsvoll, weil es alle 1976 wichtigen Soulsänger/Innen mit eigenen deutschen Titeln und einem grandiosen Blood, Sweat & Tears-Medley vereinte: Uschi Brüning, Angelika Mann, Regine Dobberschütz, Hansi Klemm, Klaus Nowodworski, Holger Biege und Stephan Trepte: „Deutscher Soul“ vom Feinsten, nur… wir gebrauchten den Slogan nicht!

Noch 1976 bekam Stephan Trepte das Angebot von „Matze“ Blankenburg, als Sänger, Keyboarder und musikalischer Kopf bei der frisch aus ehemaligen Klosterbrüder-Mitgliedern gebildeten Magdeburger Band „Reform“ einzusteigen. Nach einigem Überlegen – er hatte eigentlich keinen Bock auf Magdeburg – sagte er zu und siehe da. Er blieb 10 Jahre, bis zur Auflösung 1986 und entwickelte sich in enger Zusammenarbeit mit der Textdichterin Ingeborg Branoner zu einem der besten Singer / Songwriter der 70er und 80er Jahre.

Drei interessante LPs schlagen zu Buche, die leider nach der Wende nicht als CD erschienen sind, lediglich eine Kompilation „Reform The Best Of…“ erleichtert den Weg zu Erfolgstiteln, wie „He, Schwester, küß mich“, „Wie im Film“, „Der Löwenzahn“, „Dicke Bohnen“, „Stehaufmännchen“, „Wenn die Blätter Fallen“ und so fort. Von den im Rundfunk verbliebenen Titeln sind zwei für Stephan Trepte problematisch, der eine „Wände wie aus Glas“ begann eigentlich so: „Zuzeiten war der Fluß ein Kind und ungetrübt wie Kinder sind …“. Das Thema Umwelt war dem Rundfunklektorat auch 1980 noch zu heiß, (Ärger gab es schon 1974 mit Modern Soul und dem „Fluß der toten Fische“, Text ebenfalls von Ingeburg Branoner). Ein neuer unverfänglicher Text musste her, statt des Menetekels einer Umweltkatastrophe ging es um Nichtigkeiten in einer Beziehungskiste. Schade drum! Über die rigorose Verurteilung von „Tätowierten Herzen“ möchte Stephan Trepte am liebsten den Mantel des Vergessens breiten, denn er hat inzwischen eine andere Sichtweise von seinem Sohn Ludwig gelernt; der hat fünfzehnjährig sich ein Herz auf den Oberarm tätowieren lassen mit der Inschrift „Papa“. Für ein Leben lang. Das hat Stephan so angerührt, dass er sich ebenfalls der Tätowierung eines Herzen für seinen Sohn unterzogen hat. Stephan nach vier Scheidungen als treu liebender Vater, eine uns unbekannte Seite?

Auf ein neues Terrain mit interessanten Folgen begab er sich 1986 nach dem Auseinandergehen der Reformmusikanten. Er schloß sich mit dem Keyboarder Peter Werneburg, der bereits einen Ausreiseantrag laufen hatte, zu T&W Music zusammen, um bei dem DJ Holger Hempel Live Acts innerhalb dessen Discothek zu starten, im Zuge der 750 Jahrfeiern hatten sie in und um Berlin gut zu tun, sie stützten sich dabei auf die Soundtracks ihrer Rundfunkaufnahmen „Der dumme August“ und „Deinetwegen“. Doch was als Gebrauchsmusik auf Zeit angedacht war, entwickelte sich für Stephan Trepte zu einem Sprungbrett auf die Theaterbühne: das Bühnenstück „Der dumme August“ handelt von einem bösen Zauberer (Stephan Trepte), der immer die Herzen der Vögel fressen will, dem dummen August (Joachim Kielpinski von der Gaukler Rockband bzw. den Gauklern), der die Vögel mit Hilfe einer guten Fee (Ricarda Matschke, heute Theater Greifswald) vor dem Zugriff des Zauberers zu retten sucht. Infamerweise singt der Zauberer das Lied vom „Dummen August“, um dessen Rettungsaktionen bei den Kindern zu diskreditieren, er schleicht durch die Reihen und erschreckt seine potenziellen Gegner. Doch einmal hatte er, wie er genüsslich erzählt, die Kinderschar so gegen sich aufgebracht, dass sie die Bühne stürmte und ihn bis in die Garderobe verfolgte; blieb nur die Rettung aufs Klo, um der drohenden Lynchjustiz zu entkommen. Die Vorstellung war jedenfalls geschmissen, die Kinder wurden von den Aufsichtspersonen sortiert und nach Hause geführt. Dichtung oder Wahrheit? Das weiß man bei dem exzellenten Fabulierer Trepte nie! Aber es soll zufällig ein Video geben, das dieses Desaster festgehalten hat. Hätte Stephan Trepte als Bariton, der er eigentlich ist, klassischen Gesang studiert, wäre er ganz sicher auf der Opernbühne gelandet bei seiner Freude an plastischer Darstellung und ausgekosteter Artikulation. Er hätte einen fantastischen Don Giovanni gegeben, den Verführer schlechthin, der lachend und ebenbürtig dem steinernen Gast die Hand reicht und ohne Reue über sein lustbestimmtes Leben in den Tod geht. Als Rocker hat er es immerhin bis auf die Bühne des Dresdner Stadttheaters geschafft, in der Rolle des Eddie (im Original Meatloaf) bei der „Rocky Horror Show“, und auf die Landesbühnen Sachsen als fleischfressende Pflanze Audrey II im Stück „Der kleine Horrorladen“. In dieser anspruchsvollen Sprech- und Gesangsrolle hat er in verschiedenen Theatern, wie Görlitz und Hof, gastiert.

Kabinettstücke seiner gestalterischen Möglichkeiten bieten die Live-Auskopplung „Sie kommt nicht mehr zurück“ eines Reformkonzerts von1985 und das kammermusikalische Anhängsel an eine Rundfunkproduktion von 1981 „Mein Hund“, nach einem Text von Jewgeni Jewtuschenko: die gleiche Problematik und grundverschiedene Lösungen!

Während der Wende ist Stephan Trepte mit einer Reihe gut bekannter Interpreten der Unterhaltungsbranche im sicheren Hafen der Bundesluftwaffe gelandet, und das kam so: wo am wenigsten Demokratie möglich war, bei den Militärs in Ost und West, ging die vereinigende Übernahme am reibungslosesten, das Kulturensemble der NVA „Erich Weinert“ wurde der Bundesluftwaffe zugeordnet, bekam ABM-Status und reichlich Geld für die Durchführung von Veranstaltungen und Tourneen. Dem großen rocksinfonischen Orchester stand ein so erfahrener Popfachmann wie Horst Krüger vor und so gab es Showprogramme internationalen Zuschnitts vor allem in den alten Bundesländern, bei denen die Bundesbürger über ihre Brüder und Schwestern nicht schlecht staunten. Musikalische Frucht dieser Zeit wie schon erwähnt, zu Werbezwecken produziert, „Kleptoman“.

Großen Beifall heimste eine ähnlich große Truppe noch bei den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR auf dem heutigen Schlossplatz vor dem Palast der Republik ein, „Kinder der Erde“ hieß das Auftragswerk des Zentralrats der FDJ. Die Autoren Volker Groeling und Fred Gertz haben sich wacker à la „We are the world, we are the chlidren“ aus der Affäre gezogen, zu den Solisten auf dem Platz gehörten Petra Schwerdt, Eva-Maria Pieckert und Stephan Trepte, als Chor versuchte sich die Politgarde der alten Männer, wie ein Fernsehvideo aufweist, natürlich im Besitz von Stephan Trepte, wenn auch wegen technischer Kalamitäten nur in Schwarz-Weiß, die Alt-Herrenriege einschließlich Generalsekretär der FDJ bewegte die Lippen im Refrain, als hätten auch sie die Zukunft noch vor sich und säßen nicht schon längst auf dem absteigenden Ast! Stephan hat seinen Spaß an dieser im Bild festgehaltenen Tragikkomik.

Die beiden letzen Positionen dieses Porträts besonderer Art beinhalten zwar tragende Säulen des Trepte-Erfolgsrepertoires, aber sie präsentieren sich im gegenwärtigen Gewand! Schon 1989 knüpfte Bernd Aust, Chef von electra, neue Kontakte zu Stephan Trepte und lud ihn zu Gastauftritten ein, bot ihm nach dem Weggang von Manuel von Senden den Wiedereinstieg an. Es entstanden sogar neue Titel, wie „Einmal Amerika“ und „Wolfsgesetz“, doch eine intensivere Live-Arbeit konnte erst beginnen, als der Ostrock nach dem Wendekollaps wieder Tritt fasste bei seinem angestammten Publikum. Electra covert quasi den Reformhit „Wenn die Blätter fallen“, aber mit dem Originalsänger, der sozusagen als Dank dem electra-Riesenerfolg „Tritt ein in den Dom“ wieder zu originaler Power verhilft. Doch Spaß beiseite, diese Power im Grenzbereich des sensiblen Instruments menschliche Stimme hat auch ihren Preis. Frau Petersen, Stephans Gesangslehrerin an der Hochschule für Musik in Dresden hat es ihm nach Durchsicht der Noten vorhergesagt, ich zitiere dieses Gespräch aus dem höchst aufschlussreichen Buch „Geschichten vom Sachsendreier“ von Jürgen Balitzki: „Das könnte ich unseren Studenten gar nicht vorlegen. Das können Sie doch gar nicht singen. Das schaffen Sie doch nur mit Schreien.“ – „Ja, das muss so sein.“ – „Aber damit machen Sie sich doch fertig.“ – „Ja.“ Wie Sisyphos seinen Stein täglich hochrollt, so muss Stephan von Konzert zu Konzert die Phrase „Tritt ein, tritt ein in den Dom“ hochhieven, an guten und an schlechten Tagen. Ich wünsche ihm noch viele gute!

Luise Mirsch
Rundfunkproduzentin a.D.